Seilzug prüfen: Drahtseil, Seiltrommel und Seilwinde nach DGUV Vorschrift 54 bewerten

Beim Seilzug entscheidet das Drahtseil über die Sicherheit. Hier lesen Sie, wie Sie Elektroseilzüge, Seilwinden und Mehrzweckzüge prüfen, woran Sie ablegereife Seile erkennen und worauf es an Trommel, Rollen und Befestigung ankommt.

Von Dominik Junge Lesezeit: ca. 11 Min.
Kurz beantwortet

Einen Seilzug prüfen Sie vor allem am Drahtseil: auf ganzer Länge auf Drahtbrüche, Verformungen, Korrosion und Durchmesserabnahme, dazu Seiltrommel, Seilbefestigung, Rollen, Bremse und bei Seilwinden die Befestigung der Winde. Die Prüfung ist nach § 23 DGUV Vorschrift 54 mindestens jährlich fällig, bei Elektroseilzügen einschließlich Ermittlung der Nutzungsdauer. Als Maßstab für die Ablegereife dienen die Herstellerangaben und die Kriterien der DIN ISO 4309. Ein Seil wird nicht repariert, sondern komplett gegen das freigegebene Seil getauscht.

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Wer darf Seilzüge und Seilwinden prüfen?

Elektroseilzüge, handbetriebene und kraftbetriebene Seilwinden und Mehrzweckzüge fallen unter die DGUV Vorschrift 54. Geprüft werden sie von einem Sachkundigen, im Sinne der Betriebssicherheitsverordnung einer befähigten Person. Beim Seilzug verlangt das besondere Kenntnisse: Die Ablegereife eines Drahtseils lässt sich nicht an einem einzigen Messwert ablesen, sondern ergibt sich aus mehreren Kriterien wie Zahl und Verteilung der Drahtbrüche, Verformungen und Durchmesserabnahme. Das richtig zu bewerten, lernt man nicht allein durch Bedienen.

Das Prüfwissen zu Seilen, Trommeln, Bremsen und Nutzungsdauer vermittelt der Online-Kurs befähigte Person für Winden und Hubgeräte. Rechtswirksam prüft die Person erst mit Berufsausbildung, Erfahrung mit Hebezeugen, aktueller Tätigkeit und schriftlicher Beauftragung. Ist ein Seilzug als Hubwerk in einen Kran eingebaut, gelten zusätzlich die Regeln für Krane.

Vorbereitung: Was Sie für die Seilprüfung brauchen

Ein Drahtseil lässt sich nur auf ganzer Länge beurteilen. Bereiten Sie deshalb vor:

  • Seildaten: Nenndurchmesser, Seilkonstruktion und Mindestbruchkraft aus Betriebsanleitung oder Seilzeugnis, dazu die Ablegekriterien des Herstellers.
  • Messmittel: Messschieber mit breiten Messflächen, damit Sie über die Litzenkuppen messen, Lampe, Lupe für feine Drahtbrüche.
  • Schutzausrüstung: feste Handschuhe, denn gebrochene Drähte stechen und schneiden.
  • Reinigung: Lappen oder Bürste, falls altes Schmiermittel Schäden verdeckt, dazu freigegebenes Seilschmiermittel.
  • Platz: Bereich zum vollständigen Abwickeln des Seils, bei Fahrzeugwinden eine freie Fläche vor dem Fahrzeug.
  • Prüflast: nach Herstellerangabe für die Funktionsprüfung von Bremse und Endschaltern.

Sichern Sie den Bereich ab und legen Sie fest, wer die Winde bedient, während Sie das Seil begutachten. Fassen Sie ein laufendes Seil niemals an, auch nicht mit Handschuhen, denn ein abstehender Draht kann die Hand in die Trommel ziehen.

Seilzug prüfen Schritt für Schritt

Die Reihenfolge führt vom Seil über die Bauteile, die es führen, zu den Sicherheitseinrichtungen. Der allgemeine Ablauf mit Unterlagen, Typenschild und Aufhängung entspricht der Anleitung zur Kettenzug-Prüfung.

1. Seil vollständig abwickeln und reinigen

Fahren Sie den Haken in die tiefste Stellung oder wickeln Sie das Seil der Winde so weit ab, wie es der Hersteller zulässt. Die meisten Schäden sitzen an Stellen, die bei normaler Arbeit über Rollen laufen oder auf der Trommel aufliegen. Entfernen Sie verkrustetes Schmiermittel dort, wo es die Oberfläche verdeckt.

2. Drahtbrüche suchen und bewerten

Fahren Sie das Seil langsam ab und achten Sie auf abstehende Drahtenden. Entscheidend ist nicht nur die Zahl, sondern auch die Verteilung: Mehrere Brüche auf kurzer Länge oder in einer Litze wiegen schwerer als vereinzelte Brüche über die ganze Länge. Brüche in den Tälern zwischen den Litzen deuten auf Schäden im Seilinneren hin. Die zulässige Zahl hängt von der Seilkonstruktion ab und steht in den Herstellerangaben oder den Tabellen der DIN ISO 4309.

3. Verformungen und Korrosion erkennen

Suchen Sie nach Korbbildung, bei der sich die Außenlitzen aufweiten, nach Knicken, Quetschungen, Schlaufen und nach Stellen, an denen die Seele herausgedrückt ist. Eine Korbbildung oder ein Knick bedeutet in aller Regel Ablegereife. Rostige Stellen mit trockenem Seil und Rostpulver zwischen den Litzen weisen auf Innenkorrosion hin, die von außen oft unterschätzt wird.

4. Seildurchmesser messen

Messen Sie den Durchmesser an mehreren Stellen, immer über die Litzenkuppen, und vergleichen Sie ihn mit dem Nenndurchmesser und dem Wert bei Inbetriebnahme. Eine deutliche Abnahme zeigt Verschleiß außen oder einen Schaden der Seele. Eine örtliche Zunahme kann auf eine eingedrungene Seele oder Korrosion hindeuten.

5. Seiltrommel, Seilführung und Seilendbefestigung prüfen

Die Trommel darf keine Risse und keine eingelaufenen Rillen haben, das Seil muss sauber und lagenweise aufwickeln. Eine Seilführung, etwa ein Führungsring, muss vorhanden und intakt sein. Prüfen Sie die Seilendbefestigung an der Trommel auf festen Sitz der Klemmen. In der tiefsten Stellung müssen genügend Windungen auf der Trommel bleiben, üblich sind mindestens zwei, maßgeblich ist die Herstellerangabe.

6. Seilrollen und Unterflasche prüfen

Seilrollen müssen sich leicht drehen, dürfen nicht wackeln und keine eingelaufenen oder ausgebrochenen Rillen haben. Eine zu enge oder verschlissene Rille beschädigt das Seil bei jeder Umlenkung. An der Unterflasche prüfen Sie Haken, Sicherungsfalle und Hakenmaulweite wie beim Kettenzug.

7. Bremse, Sperrklinke und Endschalter testen

Heben Sie die Prüflast an und prüfen Sie, ob die Bremse sie in jeder Stellung hält. Bei Handwinden muss die Sperrklinke sicher einrasten, eine Kurbel darf beim Senken nicht zurückschlagen. Beim Elektroseilzug testen Sie Hubendschalter, Not-Halt, Steuerung und die Überlastsicherung, und Sie ermitteln wie beim Elektrokettenzug die verbrauchte Nutzungsdauer.

8. Befestigung der Winde und Sonderbauarten prüfen

Seilwinden an Fahrzeugen, Wänden oder Fundamenten müssen fest und nach Herstellerangabe verankert sein. Bei Fahrzeugwinden prüfen Sie zusätzlich Freilaufkupplung und Fernbedienung. Beim Mehrzweckzug, bei dem das Seil durch das Gerät läuft, prüfen Sie Klemmbacken, Umschalthebel und die Überlastsicherung, die meist aus Scherstiften besteht. Verwendet werden darf nur das vom Hersteller freigegebene Seil.

Typische Mängel: Wann ist ein Drahtseil ablegereif?

Die Ablegereife eines Drahtseils ergibt sich aus mehreren Kriterien. Die folgende Übersicht zeigt die häufigsten Schadensbilder und die übliche Reaktion. Konkrete Grenzwerte, etwa zur Zahl der Drahtbrüche, entnehmen Sie den Herstellerangaben oder der DIN ISO 4309:

MangelErkennungsmerkmalMaßnahme
Gehäufte Drahtbrüchemehrere abstehende Drähte auf kurzer Längenach Grenzwert bewerten, meist Seil ablegen
Litzenbrucheine ganze Litze gerissensofort stilllegen, Seil tauschen
KorbbildungAußenlitzen aufgeweitet wie ein Korbsofort stilllegen, Seil tauschen
Knick oder Quetschungbleibende Abflachung, scharfer KnickSeil ablegen
Innenkorrosiontrockenes Seil, Rostpulver zwischen den LitzenSeil ablegen, Schmierung und Lagerung prüfen
DurchmesserabnahmeMesswert deutlich unter Ausgangswertnach Herstellergrenze bewerten, Ursache suchen
Zu wenige RestwindungenSeil in tiefster Stellung fast abgewickeltHubweg begrenzen oder Seil nach Herstellerangabe
Eingelaufene RollenrilleRille zu eng, scharfe KantenRolle tauschen, Seil genau prüfen
Seiltrommel in tiefster Hakenstellung mindestens zwei Windungen bleiben auf der Trommel Seilendbefestigung Klemmen fest, gesichert Seil zur Unterflasche
Die Windungen auf der Trommel entlasten die Seilendbefestigung. Wie viele es sein müssen, steht in der Betriebsanleitung.

Wie Sie aus einem Befund die richtige Stufe ableiten, beschreibt die Seite Kettenzug-Mängel bewerten. Das Prinzip gilt für Seile genauso: Tragende Teile, die ihre Grenze erreicht haben, erhalten keine Frist. Klären Sie bei jedem Seilschaden auch die Ursache, etwa eine verschlissene Rolle, schräges Ziehen oder falsches Aufwickeln, sonst ist das neue Seil bald genauso beschädigt.

Checkliste Seilzug und Seilwinde

Die wichtigsten Punkte für Seilzüge und Seilwinden auf einen Blick. Notieren Sie bei Drahtbrüchen und Durchmesser immer die Werte, nicht nur ein Häkchen:

  • Seildaten bekannt, Seil entspricht der Herstellerfreigabe
  • Seil auf ganzer Länge begutachtet, Drahtbrüche gezählt und notiert
  • keine Korbbildung, Knicke, Quetschungen, Litzenbrüche, Innenkorrosion
  • Durchmesser an mehreren Stellen gemessen und eingetragen
  • Trommel, Seilführung, Seilendbefestigung und Restwindungen in Ordnung
  • Rollen leichtgängig, Rillen ohne Verschleiß
  • Bremse, Sperrklinke, Endschalter und Not-Halt wirksam
  • Befestigung der Winde fest, bei Mehrzweckzügen Scherstifte original

Für Fahrzeugwinden empfiehlt sich ein eigenes Blatt je Fahrzeug. Diese Punkte ergänzen die allgemeine Checkliste für Winden und Hubgeräte.

Dokumentation und Plakette bei Seilzügen

Tragen Sie beim Seilzug nicht nur „Seil in Ordnung“ ein, sondern die Zahl der gefundenen Drahtbrüche mit ihrer Lage, die gemessenen Durchmesser und den Zustand der Trommel. So erkennen Sie bei der nächsten Prüfung, ob sich Schäden ausbreiten oder an derselben Stelle bleiben. Nach einem Seiltausch gehören Datum, Seildaten, Zeugnis des neuen Seils und die Messwerte bei Einbau ins Prüfbuch. Bei Elektroseilzügen führen Sie zusätzlich die Nutzungsdauer fort. Hinweise zum Aufbau gibt die Seite Prüfbuch für Winden und Hubgeräte.

Die Plakette bringen Sie am Gehäuse oder bei Fahrzeugwinden gut sichtbar am Windenrahmen an. Gesperrte Seilwinden an Fahrzeugen kennzeichnen Sie zusätzlich an der Fernbedienung, damit niemand sie unterwegs benutzt. Informieren Sie außerdem den Fuhrparkverantwortlichen über die Sperre.

Häufige Fehler bei der Prüfung von Seilzügen

  • Nur das sichtbare Seilstück geprüft: Die kritischen Stellen liegen oft auf der Trommel oder in den Rollen und werden erst beim Abwickeln sichtbar.
  • Durchmesser über die Täler gemessen: Wer mit schmalen Messschnäbeln zwischen die Litzen misst, erhält zu kleine Werte.
  • Innenkorrosion übersehen: Außen sieht das Seil ordentlich aus, innen ist es trocken und rostig.
  • Falsches Seil eingebaut: Ein Seil mit anderem Durchmesser oder anderer Konstruktion passt nicht zu Trommel und Rollen.
  • Scherstift ersetzt: Beim Mehrzweckzug wurde der Scherstift durch eine Schraube ersetzt, die Überlastsicherung ist damit ausgeschaltet.

Mit Seilen arbeiten auch Anschlagmittel. Worauf es bei Drahtseilen als Anschlagmittel ankommt, lesen Sie unter Drahtseil prüfen. Die Prüfpflicht im Überblick fasst die Seite Kettenzug und Winden prüfen zusammen.

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Häufige Fragen zur Prüfung von Seilzügen

Wie oft muss ein Seilzug geprüft werden?

Nach § 23 DGUV Vorschrift 54 mindestens einmal jährlich durch einen Sachkundigen, zusätzlich vor der ersten Inbetriebnahme und nach wesentlichen Änderungen. Bei intensiver Nutzung, im Freien oder in aggressiver Umgebung können kürzere Abstände nötig sein, das legt die Gefährdungsbeurteilung fest. Vor jedem Einsatz kontrolliert der Bediener das Seil auf sichtbare Schäden und meldet Auffälligkeiten sofort seinem Vorgesetzten.

Gilt die DIN ISO 4309 auch für Seilzüge?

Die DIN ISO 4309 beschreibt Pflege, Wartung, Inspektion und Ablegereife von Drahtseilen an Kranen. Für Seile in Elektroseilzügen und Seilwinden wird sie in der Praxis als anerkannter Maßstab herangezogen, sofern der Hersteller keine eigenen Kriterien vorgibt. Vorrang haben immer die Angaben in der Betriebsanleitung. Für Drahtseile als Anschlagmittel gelten eigene Ablegekriterien nach dem Regelwerk für Anschlagmittel.

Muss eine Seilwinde am Fahrzeug geprüft werden?

Ja. Seilwinden an Fahrzeugen, etwa an Abschleppfahrzeugen, Kommunalfahrzeugen oder Geländewagen im gewerblichen Einsatz, sind Winden im Sinne der DGUV Vorschrift 54 und werden jährlich geprüft. Neben Seil, Trommel und Bremse gehören die Befestigung am Fahrzeugrahmen, die Freilaufkupplung und die Fernbedienung dazu. Die Prüfung des Fahrzeugs selbst nach DGUV Vorschrift 70 ersetzt diese Prüfung der Winde nicht.

Darf ein beschädigtes Drahtseil gekürzt werden?

Ein Seil mit einem örtlichen Schaden nahe dem Ende wird in der Praxis manchmal gekürzt, wenn Restlänge und Restwindungen weiter ausreichen und der Hersteller das zulässt. Die Seilendbefestigung muss danach fachgerecht neu hergestellt werden. Ein Seil mit verteilten Schäden, Innenkorrosion oder Korbbildung wird dagegen immer vollständig ersetzt. Nach jedem Eingriff prüft die befähigte Person das Gerät erneut, bevor es wieder freigegeben wird.

Wie wird ein Mehrzweckzug geprüft?

Beim Mehrzweckzug läuft das Seil durch das Gerät und wird von Klemmbacken gegriffen. Geprüft werden Seil, Klemmbacken, Hebel, Umschaltung, Gehäuse, Anschlagbolzen und die Überlastsicherung, meist Scherstifte. Die Scherstifte dürfen nur durch Originalteile ersetzt werden. Verwendet werden darf ausschließlich das Seil, das der Hersteller für das Gerät vorsieht, weil Klemmbacken und Seil genau aufeinander abgestimmt sind.

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Quellen

Dominik Junge · Junge Kranausbildung, Gummersbach
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