Drahtseil prüfen: So bewerten Sie Seilanschlagmittel und ihre Endverbindungen

Anschlagseile aus Stahldraht zeigen ihren Zustand oft deutlicher als Ketten, wenn man weiß, wo man hinsehen muss. Diese Anleitung erklärt, wie Sie Drahtbrüche finden und bewerten, den Durchmesser richtig messen und Pressklemmen, Spleiße und Kauschen prüfen.

Von Dominik Junge Lesezeit: ca. 10 Min.
Kurz beantwortet

Ein Drahtseil als Anschlagmittel prüfen Sie über die ganze Länge auf Drahtbrüche, Litzenbrüche, Knicke, Quetschungen, Korbbildung und Korrosion, messen den Durchmesser und kontrollieren die Endverbindungen wie Pressklemme, Spleiß und Kausche. Ablegereife tritt unter anderem ein, wenn die Zahl der sichtbaren Drahtbrüche auf einer festgelegten Bezugslänge den Grenzwert überschreitet, bei jedem Litzenbruch, bei bleibenden Verformungen und bei beschädigten Endverbindungen. Die Prüfung durch eine befähigte Person ist mindestens jährlich fällig.

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Wer darf Anschlagseile aus Stahldraht prüfen?

Anschlagseile gehören zu den Anschlagmitteln nach DGUV Regel 109-017 und werden mindestens einmal im Jahr von einer zur Prüfung befähigten Person geprüft. Sie braucht Erfahrung mit Seilen und Hebezeugen, etwa aus Montage, Instandhaltung oder Kranbetrieb, und muss Seilschäden sicher benennen und bewerten können. Die Kriterien dafür, von der Zählweise der Drahtbrüche bis zu den Merkmalen einer beschädigten Pressklemme, vermittelt der Online-Kurs zur befähigten Person für Anschlagmittel.

Abzugrenzen sind die Tragseile von Kranen, Seilzügen und Winden. Sie gehören zum Hebezeug, laufen über Seilrollen und Trommeln und werden nach eigenen Kriterien im Rahmen der Kran- oder Windenprüfung bewertet. Wie das abläuft, zeigen die Seiten Seilzug prüfen und Kranprüfung Schritt für Schritt. Diese Seite behandelt ausschließlich Anschlagseile und Seilgehänge.

Vorbereitung: Was brauchen Sie für die Seilprüfung?

Drahtseile verlangen etwas mehr Ausrüstung als textile Anschlagmittel und eine eigene Schutzmaßnahme, denn gebrochene Drähte stechen und schneiden.

  • Schnittfeste Handschuhe: Pflicht, weil Sie das Seil über die ganze Länge durch die Hände führen.
  • Lappen: Wer mit einem Lappen am Seil entlangfährt, findet abstehende Drahtbrüche, weil Fasern daran hängen bleiben.
  • Messschieber mit breiten Messschnäbeln: damit der Messschieber mehrere Litzenkuppen überdeckt und der größte Durchmesser erfasst wird.
  • Nennmaße und Herstellerangaben: Nenndurchmesser, Seilkonstruktion und Tragfähigkeit aus dem Verzeichnis, dazu die Gebrauchsanleitung.
  • Lupe und Lampe: für Korrosion in den Tälern zwischen den Litzen und feine Risse an der Pressklemme.
  • Reinigung: stark verschmutzte Seile mit einer Bürste säubern, dabei kein Schmiermittel restlos auswaschen.

Legen Sie jedes Seil gestreckt aus, ohne es über Kanten zu ziehen. Ein Seil, das sich beim Auslegen von selbst verdreht oder Schlaufen bildet, ist bereits ein Hinweis auf eine Strukturveränderung.

Drahtseil prüfen: Schritt für Schritt

Die Prüfung beginnt an der Kennzeichnung und endet an den Endverbindungen, weil sich dort die meisten Schäden konzentrieren. Die Grafik zeigt die typischen Schadensstellen an einem Anschlagseil.

Wo Anschlagseile ablegereif werden 1 2 3 4 1 Kausche: verformt, verschlissen? 2 Pressklemme: Risse, Verformung? 3 Übergang: Drahtbrüche, Knick? 4 freie Länge: Drahtbrüche zählen
Der Übergang hinter der Pressklemme ist die kritischste Stelle, weil sich das Seil dort beim Anschlagen am stärksten biegt.

1. Kennzeichnung und Identität prüfen

Anschlagseile tragen ihre Kennzeichnung auf einem Anhänger oder einer Hülse an der Pressklemme: Tragfähigkeit, Hersteller, Rückverfolgbarkeit. Bei Seilgehängen mit mehreren Strängen gehört die Tragfähigkeit je Neigungswinkel dazu. Fehlt die Kennzeichnung, ist das Seil nicht weiter verwendbar.

2. Freie Seillänge abtasten

Führen Sie das Seil mit Lappen und Handschuh durch die Hand, Abschnitt für Abschnitt. An jeder Stelle, an der der Lappen hängen bleibt, sehen Sie genau hin. Achten Sie auch auf Stellen, an denen sich das Seil anders anfühlt: dünner, flacher, härter oder lockerer.

3. Drahtbrüche zählen und bewerten

Einzelne Drahtbrüche sind bei Drahtseilen normal und für sich noch kein Ablegegrund. Entscheidend ist, wie viele sichtbare Drahtbrüche auf einer bestimmten Länge liegen. Die Bezugslängen werden als Vielfaches des Seildurchmessers d angegeben, zum Beispiel 6d oder 30d. Die zulässige Anzahl ist in der DGUV Regel 109-017 festgelegt und hängt von der Seilart ab. Liegen mehrere Brüche dicht beieinander oder in einer Litze, ist das deutlich kritischer als verstreute Einzelbrüche. Ein Litzenbruch führt immer zur Ablegereife.

4. Verformungen erkennen

Knicke, Kinken, Quetschungen, Korbbildung, bei der sich die Litzen korbartig aufweiten, und die Lockerung der äußeren Lage zeigen, dass die Seilstruktur beschädigt ist. Solche Verformungen lassen sich nicht zurückbiegen. Sie führen zur Ablegereife, weil sich die Last danach ungleichmäßig auf die Drähte verteilt.

5. Durchmesser messen

Messen Sie an mehreren Stellen, vor allem in stark beanspruchten Bereichen, und jeweils in zwei Richtungen. Der Messschieber wird über die Litzenkuppen angesetzt, also über den größten Umkreis. Eine deutliche Verringerung gegenüber dem Nennmaß deutet auf Verschleiß, Korrosion im Inneren oder eine gebrochene Einlage hin.

6. Korrosion und Hitzeschäden bewerten

Leichter Flugrost auf einem gefetteten Seil ist unkritisch. Narben, lockere Drähte durch Korrosion oder Rostspuren, die aus dem Seilinneren austreten, sind es nicht. Anlauffarben, Schweißperlen und Lichtbogenschäden, etwa wenn ein Seil als Masseverbindung beim Schweißen gedient hat, führen zur Ablegereife.

7. Endverbindungen prüfen

An der Pressklemme suchen Sie nach Rissen, Verformungen, Verschleiß und Anzeichen, dass das Seil herausgezogen wurde. Beim Spleiß prüfen Sie, ob er fest sitzt und keine Drähte herausstehen. Die Kausche muss fest im Auge liegen, darf nicht verformt oder durchgescheuert sein. Direkt hinter der Endverbindung schauen Sie besonders genau auf Drahtbrüche.

Typische Mängel an Anschlagseilen

Die Tabelle fasst die häufigsten Befunde an Anschlagseilen zusammen. Die Bewertung von Drahtbrüchen hängt von Seilart und Anzahl ab, deshalb steht dort keine pauschale Maßnahme. Alle anderen genannten Schäden führen in der Regel zur Ablegereife, weil sie die Struktur des Seils dauerhaft verändern.

MangelErkennungsmerkmalMaßnahme
Drahtbrücheabstehende Drahtenden, Lappen bleibt hängenauf Bezugslänge zählen, bei Überschreiten ablegen
Litzenbruchganze Litze gerissen, Seil sichtbar geschwächtablegen
Knick oder Kinkebleibende scharfe Biegung, Seil liegt nicht mehr geradeablegen
Quetschungabgeflachte Stelle, oft nach Einklemmen unter der Lastablegen
KorbbildungLitzen weiten sich korbartig aufablegen
KorrosionNarben, lockere Drähte, Rost aus dem Innerenablegen, bei leichtem Flugrost reinigen und schmieren
Beschädigte PressklemmeRiss im Aluminium, Verformung, Seil verschobenablegen
Lose KauscheKausche verdreht, verformt oder herausgesprungenablegen oder vom Hersteller instand setzen lassen, bis dahin sperren

Die meisten Seilschäden entstehen nicht durch Alterung, sondern beim Anschlagen: zu kleine Biegeradien an Kanten, eingeklemmte Seile unter abgesetzten Lasten und Seile, die als Zurr- oder Abschleppmittel missbraucht wurden. Findet die befähigte Person solche Schäden gehäuft, gehört das Thema Kantenschutz und richtiges Absetzen der Last in die nächste Unterweisung der Anschläger. Eine Übersicht über alle Ablegekriterien finden Sie unter Ablegereife von Anschlagmitteln.

Checkliste Drahtseil zum Ausdrucken

Die Prüfpunkte für jedes Anschlagseil im Überblick:

  • Kennzeichnung vorhanden, Tragfähigkeit lesbar
  • ganze Länge mit Lappen abgetastet
  • Drahtbrüche gezählt und auf die Bezugslänge bezogen
  • keine Litzenbrüche, Knicke, Quetschungen oder Korbbildung
  • Durchmesser an mehreren Stellen gemessen und notiert
  • Pressklemme, Spleiß und Kausche ohne Befund

Arbeiten Sie die Punkte für jedes Seil in dieser Reihenfolge ab. Notieren Sie bei Drahtbrüchen auch die Stelle, etwa „30 cm hinter Pressklemme A“. So sehen Sie im nächsten Jahr, ob an derselben Stelle weitere Brüche dazugekommen sind. Die Checkliste für alle übrigen Anschlagmittel finden Sie unter Checkliste Anschlagmittel.

Dokumentation und Kennzeichnung von Anschlagseilen

Ins Protokoll gehören Nummer, Nenndurchmesser, Länge, Strangzahl, Tragfähigkeit, der kleinste gemessene Durchmesser, die Zahl und Lage der Drahtbrüche, der Zustand der Endverbindungen, das Ergebnis und das Datum. Gerade die Drahtbrüche sollten Sie mit Zahl und Ort festhalten, denn ein Seil mit zunehmenden Brüchen an derselben Stelle nähert sich der Ablegereife, und Sie können rechtzeitig Ersatz bestellen.

Die Prüfkennzeichnung befestigen Sie an der Pressklemme, am Anhänger oder am Aufhängering des Seilgehänges, nie in der freien Seillänge, wo sie das Anschlagen stört und selbst Druckstellen am Seil verursachen kann. Bei Seilgehängen mit mehreren Strängen genügt eine Kennzeichnung am Aufhängering, wenn im Protokoll alle Stränge einzeln bewertet sind. Eine Vorlage für das Verzeichnis bietet unser Prüfprotokoll Anschlagmittel.

Welche Fehler passieren bei der Prüfung von Drahtseilen?

  • Ohne Handschuhe prüfen: Wer sich an einem Drahtbruch sticht, tastet den Rest des Seils nur noch zögerlich ab.
  • Falsch messen: Mit schmalen Messschnäbeln zwischen den Litzen fällt der Durchmesser zu klein aus, und das Seil wird zu Unrecht abgelegt.
  • Jeden Drahtbruch gleich bewerten: Verstreute Einzelbrüche sind anders zu beurteilen als eine Häufung an einer Stelle.
  • Endverbindung übersehen: Risse an der Pressklemme sind fein und leicht zu übersehen, wenn man nur die Seillänge ansieht.
  • Kranseil und Anschlagseil verwechseln: Für Tragseile am Hebezeug gelten andere Prüfkriterien und Zuständigkeiten.

Wer Seile und Ketten im selben Bestand hat, findet die Kettenprüfung unter Anschlagkette prüfen. Pflicht und Fristen aller Anschlagmittel erklärt die Seite Anschlagmittel prüfen.

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Häufige Fragen zur Prüfung von Drahtseilen

Wie viele Drahtbrüche darf ein Anschlagseil haben?

Das hängt von der Seilart und der Bezugslänge ab. Die DGUV Regel 109-017 legt fest, wie viele sichtbare Drahtbrüche auf einer Länge von einem bestimmten Vielfachen des Seildurchmessers höchstens auftreten dürfen. Wird der Wert überschritten, ist das Seil ablegereif. Ein Litzenbruch führt immer zur Ablegereife. Die genauen Grenzwerte lernen Sie im Kurs und finden sie in der Regel selbst.

Wie oft muss ein Anschlagseil geprüft werden?

Mindestens einmal im Jahr durch eine befähigte Person, bei hoher Beanspruchung in kürzeren Abständen nach Gefährdungsbeurteilung. Vor jedem Einsatz kontrolliert der Anschläger das Seil auf sichtbare Schäden wie Drahtbrüche, Knicke und beschädigte Endverbindungen. Nach einem besonderen Ereignis, etwa wenn das Seil unter einer Last eingeklemmt war, ist eine außerordentliche Prüfung fällig, bevor es wieder eingesetzt wird.

Darf ich ein Drahtseil nach einem Knick wieder gerade biegen?

Nein. Ein Knick verändert die Lage der Drähte und Litzen dauerhaft. Auch wenn das Seil nach dem Zurückbiegen wieder gerade aussieht, tragen die Drähte an dieser Stelle die Last nicht mehr gleichmäßig. Das Seil ist ablegereif. Ebenso wenig dürfen Seile geknotet, mit Seilklemmen verlängert oder erhitzt werden. Ersatz ist hier immer die sichere und am Ende günstigere Lösung.

Muss ich Anschlagseile schmieren?

Viele Drahtseile werden werkseitig geschmiert, um Korrosion und Reibung zwischen den Drähten zu vermindern. Ob und womit nachgeschmiert werden soll, steht in der Gebrauchsanleitung des Herstellers. Bei Seilen, die im Freien oder in feuchter Umgebung eingesetzt werden, ist eine regelmäßige Pflege sinnvoll. Achten Sie darauf, dass Schmiermittel die Sichtprüfung nicht behindern, und reinigen Sie vor der Prüfung grob.

Ist die Prüfung von Kranseilen dasselbe wie die von Anschlagseilen?

Nein. Tragseile an Kranen, Winden und Seilzügen gehören zum Hebezeug und laufen ständig über Rollen und Trommeln. Sie werden nach eigenen Kriterien und im Rahmen der Kran- oder Windenprüfung bewertet. Anschlagseile sind dagegen Anschlagmittel nach DGUV Regel 109-017. Die Grundlagen der Schadensbewertung sind verwandt, Zuständigkeit und Grenzwerte aber nicht identisch. Klären Sie deshalb, welches Regelwerk gilt.

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Dominik Junge · Junge Kranausbildung, Gummersbach
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